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Bunter als St. Pauli: Warum die Veddel so attraktiv ist

Artikel von Jan Haarmeyer, erschienen im Hamburger Abendblatt am 14.03.2018

„Der Stadtteil sieben S-Bahnminuten vom Hauptbahnhof entfernt hat sich gemausert. Hier erzählen Bewohner der Veddel, woran das liegt.

Hamburg. Den schmucken Kunstrasenplatz eröffnen sie in Kürze. Direkt neben der Schule Slomanstieg, in der seit Jahren immer mehr Kinder angemeldet werden. Direkt dahinter ragt eine hochmoderne Kita in die Höhe, die ebenfalls bald eingeweiht werden kann. Schräg gegenüber saniert die SAGA Unternehmensgruppe drei große Häuserblocks mit rund 230 Wohnungen, die im Anschluss für 30 Jahre öffentlich gefördert werden. Auf der gegenüberliegenden Promenade strömen Hamburger und Touristen aus aller Welt in das schmucke Auswanderermuseum Ballinstadt.

Die Veddel. Eingeklemmt zwischen Hafengebiet, Eisenbahnschienen und Autobahn leben rund 5000 Menschen in einem der ärmsten Stadtteile in Hamburg. Der sogenannte Sozialindex ist hier seit 2012 unverändert auf der niedrigsten Stufe: „Sehr niedrig“. Denn hier gibt es immer noch mehr Geringverdiener, Hartz-IV-Empfänger, Asylsuchende und Menschen mit geringem Schulabschluss oder ohne Arbeit als in fast jeder anderen Gegend in Hamburg.

Doch nun hat der graue Stadtteil, an dem die meisten Hamburger nur vorbeifahren, um irgendwo anders hinzukommen, mit einem Mal einen Spitzenplatz erklommen. Dass sie in Hamburgs buntestem Stadtteil leben, haben die Menschen aus 56 Nationen jetzt sogar schwarz auf weiß. Es geht um Vielfalt. Um Diversität. Und damit geht es hier auf der Veddel vielleicht auch endlich einmal ums Ankommen. Und nicht ums Wegziehen.

Laut einer Studie der Körber-Stiftung zur „Superdiversität“ sind auf der Veddel und in Wilhelmsburg die unterschiedlichsten Menschen hinsichtlich Alter, Herkunft, Kaufkraft, Religion und Parteienpräferenz versammelt. Jung und alt, arm und reich, Deutsche und Ausländer, Christen und Muslime. Man kann auch sagen: Nirgendwo in Hamburg ist das Leben so bunt wie auf der Veddel. Dagegen sind die Schanze, St. Pauli und Eimsbüttel ziemlich langweilig. Oder freundlicher: eher homogen.

Dass die Veddel sogar kunterbunt ist, erzählt Carine Moch. 41 Jahre alt, Tanzpädagogin, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die fröhliche Frau hat sehr vielen Kindern im Stadtteil das Tanzen beigebracht. „Ich wohne jetzt seit 14 Jahren hier, und eigentlich ist das Leben auf der Veddel jedes Jahr besser geworden“, sagt Moch. Sie wohnt in einer 90 Quadratmeter großen Wohnung, für die sie rund 750 Euro warm zahlt. Als sie damals aus Altona hierher gezogen ist, gab es sogar noch Leerstand. „Und hinter dem Haus den Dschungel, wo die Spritzen von Junkies rumlagen“. Heute toben hier die Kinder auf einem neu gestalteten Spielplatz.

Daneben ist in der ehemaligen Polizeikaserne aus der alten Turnhalle ein Tobehafen mit riesiger Kletterlandschaft für die Kleinen entstanden. Im gleichen Gebäude hat der Quartierskünstler sein Atelier mit darüber liegender Wohnung. Und eine Tür weiter hat die Poliklinik eröffnet. Ein Stadtteil-Gesundheitszentrum mit großem Beratungsangebot, weil man ja weiß, so das 23-köpfige Team aus Ärzten, Pflegern, Psychologen, Juristen und Wissenschaftlern, „dass Sorgen krank machen“.

Dass nicht alles Gold ist, was so glänzt, weiß Uschi Hoffmann. Die Diakonin der Immanuelkirche ist seit vier Jahren dabei, das Gemeindeleben mit immer weniger Kirchgängern und immer mehr anderen Religionen neu zu gestalten. „Wir sind hier auf der Veddel miteinander auf der Suche“, sagt sie. Wonach? „Nach neuen Formaten.“ Das Interesse an Spiritualität sei bei den Menschen vorhanden. Sie laden auch die muslimischen Gemeinden in die Immanuelkirche ein, jeden Sonntag findet ein afrikanischer Gottesdienst statt.

Das Gebäude wird längst auch für andere Veranstaltungen genutzt. Es gibt noch einen Altarraum und die Orgel auf der Empore, aber die Kirchenbänke sind raus. So ist jetzt Platz für Tischtennis und Minigolf, musikalische Veranstaltungen und Kino. „Außerdem haben wir zahlreiche diakonische Angebote“, sagt Uschi Hoffmann. Es gibt die Tafel und die Kleiderkammer, das Sprachcafé und den vegetarischen Mittagstisch, das Veddeler Abendbrot gegen eine Spende und das Novaland, ein Bastelangebot für Kinder. „Die Kirche muss sich auf den Weg machen, um die Menschen wieder zu erreichen“, sagt Hoffmann.

Und sie vielleicht zum Bleiben zu bewegen. Christel (81) und Uwe Fiedler (83) wollen hier nicht mehr weg. Obwohl sie eine ganz andere Geschichte von der Veddel erzählen. Auf dem Wohnzimmertisch der gemütlichen 58 Quadratmeter großen Saga-Wohnung, für die sie 650 Euro warm bezahlen, hat Uwe Fiedler einige Bildbände ausgebreitet. Die Veddel von früher und von oben. Bilder in Schwarz-Weiß, als die Autobahn noch nicht in Sichtweite des Wohnzimmerfensters vorbeiführte und die Waren aus aller Welt im Hafen noch von den Kränen aus den Schiffen geholt wurden.

Uwe Fiedler war 39 Jahre Kranführer bei der HHLA. Seit 62 Jahren wohnen seine Frau und er in ihrer Wohnung. Hier haben sie zwei Kinder großgezogen, die den Stadtteil längst verlassen haben. „Und uns immer sagen, wir sollen zu ihnen außerhalb Hamburgs ziehen.“ Aber sie bleiben. „Das ist doch unser Zuhause.“ Auch wenn in ihrem Haus „keine einzige deutsche Familie mehr wohnt“. Sie kommen mit allen Nachbarn gut klar, so ist es nicht. Aber das ist die Veränderung, die ihnen zuerst einfällt, wenn sie gefragt werden.

Uwe Fiedler hat noch ein Buch auf den Wohnzimmertisch gelegt. „Erinnerungen an die Einkaufsmöglichkeiten auf der Veddel zwischen 1950–1964“. Christel Fiedler sagt: „Wir hatten einfach alles in der Veddeler Brückenstraße direkt vor der Haustür. Und mindestens 40 Kneipen“, sagt Uwe Fiedler. „Klein St. Pauli haben sie die Veddel damals genannt.“

Alles weg. Heute gibt es noch einen Penny-Markt und einige Frühstück-Cafés.

Pro Quartier, ein Tochterunternehmen der städtischen Saga, versucht seit Jahren, die Veddel zu stabilisieren und kulturell zu beleben. Neben dem Quartierskünstler gibt es das Studentenwohnprogramm, bei dem aktuell 34 Mietverhältnisse gefördert werden. Es gibt die Kiezläufer, speziell geschulte junge Männer und Frauen aus dem Stadtteil. Sie sind, nachdem es Probleme mit Gewalt und Drogenkonsum gab, nun durch Präsenz und Ansprache sozusagen als „größere Geschwister“ im Viertel unterwegs.

Unter dem Stichwort „Reaktivierung der Nahversorgung“ erhalten Existenzgründer auf der Veddel Ladenflächen zwei Jahre lang zu einem niedrigen Quadratmeterpreis. Zu sichtbaren Veränderungen hat das bisher aber noch nicht geführt.

Denn noch fehlt die Kaufkraft. Noch fehlt das Geld.
Und deshalb ist das Goldene Haus an der Veddeler Brückenstraße 152 ein äußerst umstrittenes Kunst-Projekt. Mit 85.000 Euro aus dem Kunst-Etat der Stadt hat der Quartierskünstler Boran Burchhardt die 300 Quadratmeter große Fassade vergoldet. Und damit die Veddel bundesweit bekannt gemacht, sagen die Befürworter. Was hätte man mit dem Geld alles Gutes tun können, fragen die Kritiker.

„Das Gold der Veddel ist nicht an der Wand“, sagt Carine Moch, „das Gold der Veddel sind die Kinder.“ Um die kümmert sich auch Bianka Petri. Seit August 2017 leitet sie die Schule auf der Veddel, auf die vor fünf Jahren noch 400 Kinder gingen – von der Vorschul- bis zur 10. Klasse. „Momentan haben wir 535 Schüler, die von 87 Kollegen unterrichtet werden.“ Sie kommen aus 30 Nationen. „Sprache und Sprachbildung ist bei uns ein Schwerpunkt.“ Die meisten Schüler seien aber in Deutschland geboren worden, sagt Bianka Petri, die es toll findet, auf der Veddel zu arbeiten. „Dadurch, dass die Kinder hier in die Vorschule gehen, bekommen wir ihre gesamte Lernbiografie mit.“ Sie lobt die gute Vernetzung im Stadtteil und den dörflichen Charakter. Und sie wünscht sich, dass das markante und denkmalgeschützte Gebäude bald saniert wird. Damit ihre Schule heller wird und noch mehr Platz bietet für die Kinder aus aller Welt.

Die betreut auch Sedat Cukadar, der vor mehr als 30 Jahren mit seinen Eltern auf die Veddel gekommen ist. Vor fünf Jahren gründete der begeisterte Fußballer Veddel United, „damit die Kinder von der Straße kamen“. Heute hat der Club rund 200 Mitglieder.

Seit fünf Jahren kämpft der 47-Jährige aber auch für ein Clubheim, in dem man zusammensitzen kann. „Um mit den Kindern und Jugendlichen auch mal über Probleme außerhalb des Fußballs zu sprechen“, sagt Cukadar. Er ist bei der Stadtreinigung angestellt, die Vereinsarbeit macht er ehrenamtlich. Umso mehr vermisst er die Unterstützung durch die Politik bei seinem Kampf um ein Clubheim. Andererseits gibt es jetzt eine sehr guten Grund zum Feiern: Ende des Monats wird der neue Kunstrasenplatz eingeweiht. Was das für die Jugend auf der Veddel bedeutet? „Eine Goldgrube“, sagt Sedat Cukadar. Er wird hier nicht mehr wegziehen. ‚Die Veddel ist mein Zuhause.‘ „